Lilly Lulay

Feature Extraction – Photography as Raw Data

10. September – 30. November 2021

Galerie Klüser 2

VARIOUS OTHERS 2021: Galerie Klüser X Kuckei + Kuckei (Berlin)

Eröffnung: 10. September | 18 – 21 Uhr
Verlängerte Öffnungszeiten: 11. & 12. September  | 11 – 18 Uhr
Künstliche Intelligenz (KI), Google, Social Media, Datenanalyse und das Smartphone als ständiger Begleiter – die digitale Welt ist mit all ihren Mechanismen ein fester Bestandteil unseres Alltags geworden. 

Mehr oder minder subtil und unbewusst nimmt sie zunehmend Einfluss auf unsere Wahrnehmung und das soziale Verhalten. Dabei hinterlassen wir als Nutzer stets eine Spur von Daten, zunehmend auch in Form von Fotos, die wir mit unseren Handykameras aufnehmen, verschicken und in diversen Netzwerken teilen.

Diese Entwicklungen werden von Lilly Lulay (*1985, Frankfurt a. M.), die in Deutschland und Frankreich Fotografie, Bildhauerei und Mediensoziologie studierte, in ihrer künstlerischen Arbeit aufgegriffen und kritisch hinterfragt.

Als Rohmaterial dienen ihr Fotografien, die sie auf Flohmärkten und online findet oder von Bekannten erhält.

Mit verschiedenen Techniken greift sie extrahierend in die Bilder ein und agiert dabei selbst wie ein Algorithmus. Per Hand werden Elemente selektiert, indem sie ausgeschnitten, hervorgehoben oder überdeckt werden. Durch diese Reduktion macht sie sichtbar, was zuvor in der Fülle der Informationen untergegangen wäre. So entstehen neue Strukturen und Muster und setzen sich zu vielschichtigen Gemälden und Collagen zusammen, die sich in analoger Form mit den sozialen, technischen und ökonomischen Entwicklungen der digitalen Welt auseinandersetzen.

Erstmals gibt die Galerie Klüser 2 in Kooperation mit Kuckei + Kuckei (Berlin) einen Einblick in Lilly Lulays vielseitiges künstlerisches Schaffen.

So werden zum einen Arbeiten neuer Serien gezeigt, etwa ‚Lesson I: The Algorithmic Gaze’, bei der einzelne Bildteile einer Fotografie durch Ausschnitte in einer ansonsten alles überdeckenden, tafelähnlichen Platte als abstrakte Komposition wieder sichtbar gemacht werden. Unzählige Schnipsel Fotopapier – ein Abfallprodukt der Foto-Sofortdruckautomaten – setzen sich in dem Werk ‚Residual Data #2’ zu einem Bildrauschen zusammen, das sowohl an vordigitale Zeiten erinnert, als auch auf die heutige stetige Bilderflut und den wachsenden digitalen Datenmüll verweist. Auch in ‚De/Composed Narratives’ fügen sich Fotofragmente zu großen Collagen: bei genauerem Hinsehen sind Umrisse von Personen und einzelne Objekte zwischen weißen Rückseiten zu erkennen.

Beispiele früherer Werke werden ebenso zu sehen sein, darunter Arbeiten der Serie ‚Zeitreisende’ – gefundene Fotografien aus dem Alltag nunmehr anonymer Personen, deren Identität durch Verpixelung verborgen bleibt. In ‚ABC, New Characters for an Experimental Sign Language’ wird ebenso ein abstrahierender Transformationsprozess durchlaufen. Seiten aus der Anthologie Les progrès de la technique von 1983 – einem Format, das mittlerweile von Suchmaschinen und Online-Enzyklopädien verdrängt wird – reduziert Lulay mittels Skalpell zu minimalistischen Kompositionen. Im Lasercut-Verfahren wiederum entstehen die fein durchbrochenen Bild-Geflechte aus der Serie ‚Our Writing Tools Take Part in The Forming of Our Thoughts’, wobei Icons die Schnittlinien vorgeben.

Auch technischen Geräten des digitalen Zeitalters wie einer alten Webcam, einem iPod, Mobiltelefon oder Tamagotchi – nahezu schon Kultobjekte und Relikte unserer Zeit – wird eine ganze Werkserie gewidmet: ‚Early Digital Tech, Artifacts From the Age of Acceleration’ verewigt die schnelllebigen Geräte mit Nadel und Faden in zeitintensiven Stickbildern. 

Der Begriff Feature Extraction beschreibt den Prozess von KI, bestimmte Elemente aus einem größeren Datensatz herauszufiltern. Auch Lilly Lulay sortiert, analysiert, extrahiert in präziser Handarbeit und setzt sich so mit der Fotografie im Spannungsfeld mit den Phänomenen und Entwicklungen des digitalen Zeitalters auseinander, die zugleich ständig präsent und häufig dennoch unsichtbar sind.

Wir bedanken uns für die Förderung durch Neustart Kultur und Stiftung Kunstfonds.

Ausgewählte Werke

Logitech Quickcam Express Webcam 2005 (2020)

Aus der Serie Early Digital Tech, Artifacts from The Age of Acceleration

Tintenstrahldruck, Druck auf Stramin-Stoff, handgefertigte Stickerei, Baumwollfaden

41 x 31,5 cm

Apple iPhone 4 front camera CDMA 32GB 2010 (2021)

Aus der Serie Early Digital Tech, Artifacts from The Age of Acceleration

Tintenstrahldruck, Druck auf Stramin-Stoff, handgefertigte Stickerei, Baumwollfaden

41 x 31,5 cm

Our wedding bouquet 22.12.1975 (2021)

Aus der Serie Lesson I: The Algorithmic Gaze

Tintenstrahldrucker, Holz, schwarze Tafelfarbe, Farbstift

114 x 80 cm

Our Writing Tools Take Part in the Forming of our Thoughts C (2021)

Auflage: 3

Lasercut auf C-Druck

80 x 60 cm

Lilly Lulay, Feature Extraction, Galerie Klüser

Über die Künstlerin

Lilly Lulay (*1985 in Frankfurt a. M.) studierte Fotografie, Bildhauerei und Mediensoziologie in Deutschland und Frankreich. Ihre Arbeiten untersuchen die Fotografie als kulturelles Werkzeug, das einen wesentlichen Bestandteil des heutigen Alltagslebens bildet. Der stetigen Überproduktion von Bildern bewusst, nutzt Lulay eigene und fremde Fotografien als Rohmaterial für ihre Werke. Durch den Einsatz verschiedenster Techniken, die vom Lasercut bis zur Stickerei sowie Installationen und Collagen reichen, entstehen greifbare und vielschichtige Arbeiten. Lulay erforscht sowohl den Einfluss des Fotomediums auf das soziale Verhalten als auch die Mechanismen der individuellen und kollektiven Wahrnehmung. 

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