100 Jahre ‘Ulysses’ von James Joyce

22. Februar - 2. April 2022

Galerie Klüser

Über den Ulysses zu schreiben erscheint müßig. Keinem Buch des letzten Jahrhunderts widmeten Sprachforscher und Literaten mehr Sekundärliteratur. Die Spezialisierung der Rezeption wurde so weit getrieben, dass sie im Ergebnis viele potentielle Leser von der unbefangenen Lektüre abhielt. In der Tat gibt es wohl kaum einen Roman, der so oft gekauft wie selten gelesen wurde.

Die Grundstruktur scheint einfach zu sein: 18 Stunden des 16. Juni 1904 in Dublin werden beschrieben, von 8 Uhr früh bis 2 Uhr nachts. In ihrer Gesamtheit ist die Darstellung allerdings ähnlich komplex wie der Inhalt einer Enzyklopädie: der Ulysses umfasst 29899 Wörter, 220 Schauplätze, 131 Themen und (nach Hermann Broch). 75 Seiten pro Stunde, d. h. mehr als 1 Seite pro Minute oder nahezu 1 Zeile pro Sekunde. Der auf den ersten Blick triviale Inhalt ist so verdichtet, dass er zeitlos philosophische Relevanz erhält: als eine Reise in die Tiefe der Erkenntnis, der Erinnerung, des Unbewussten und Irrationalen, die aber gleichzeitig bestimmt ist durch buchhalterisch genaue Einarbeitung empirisch nachgeprüfter Fakten. Der homerische Mythos der Odyssee wird zum Alltag der Jahrhundertwende in Dublin degradiert und gleichzeitig zum „Weltalltag einer Epoche“ (Broch) erhoben. Nicht im Sinne einer aufklärerischen, analytischen Kritik, sondern als nachvollziehbares Erkennen, Erschließen und Strukturieren der Welt. Das Wesen der Dinge, der Sinn des Lebens wird über die Folie des lokalen Hintergrundes in einem Weltzusammenhang klar. Erkenntnisse des Lesers werden vertieft über das Nachvollziehen des realen Erlebens, nicht durch einen intellektuellen Appell an das Verstehen: in Vicos Sinne erzielt Joyce die Verständniswirkung des „konkreten Allgemeinen“ ohne den dialektischen Einsatz analytisch abstrakter Begriffe.

Als Kunstgriff benutzt Joyce im Ulysses eine Vielzahl literarischer Stile: von der poetischen Transparenz zum gewöhnlichen Gassenjargon, vom musikalischen Arrangement über Shakespeare-Pathos zu Boulevardzeitungsschlagzeilen, von der trockenen Bestandsaufnahme bis zum amorphen Gedankenstrom der Molly Bloom. Sie ist eine der drei Protagonisten des Romans, und ihr seitenlanger stummer Monolog am Ende des Buches teilt mehr über die weibliche (und menschliche) Psyche mit als viele Erkenntnisse der modernen Psychologie.

Ihr Mann, Leopold Bloom, agiert als Hauptperson. Von Beruf Annoncenaquisiteur, ist er ein Außenseiter mit jüdischer Herkunft, der sich später sowohl protestantisch als auch katholisch taufen lässt, ohne je ein gläubiger Mensch zu werden. Obwohl ein Niemand, verkörpert er die Figur des Odysseus und gleichzeitig den aufgeklärten gesunden Menschenverstand. Bloom sieht sich als unscheinbarer und zielloser Wanderer durch Dublin (und sein Leben) oft Erniedrigungen ausgesetzt, dennoch bleibt er eine gütige und liebenswerte Person. Seine unsentimentale Grundhaltung, ohne jede religiöse oder ideologische Enge, verbindet sich mit einer inneren Poesie, die vielleicht nur in Irland anzutreffen ist: ein Anti-Held als Held des Alltagslebens.

Ihm zur Seite gestellt als sein ›geistiger‹ Sohn wird Stephen Dedalus. Wir kennen ihn aus Joyces erstem Buch Portrait des Künstlers als junger Mann. Stephen ist wie James Joyce 1904 zweiundzwanzig Jahre alt und ein ehrgeiziger, eigenwilliger Schriftsteller. Als jugendlicher Antipode zur reiferen Anschauung Blooms spielt er die Rolle des kritisch fragenden Künstlers und Intellektuellen.
Zu verstehen, wie die Welt beschaffen ist, dazu trägt der Ulysses bei. In seinem Hauptwerk (neben Finnegans Wake) formuliert Joyce früh existentielle Fragen des 20. Jahrhunderts. Wie Stephen Dedalus ist er als Künstler nicht zu einer Antwort verpflichtet, dennoch konnte er inhaltlich und formal den Maßstab setzen, auf welcher geistigen Ebene diese „permanente Auseinandersetzung“ Gestalt annehmen kann.

Noch eine Anmerkung zur Rezeption sei erlaubt. Der Ulysses erschien nach langjähriger Vorarbeit und ständiger Überarbeitung im Februar 1922 bei Shakespeare & Company in Paris, als existenzgefährdende verlegerische Großtat zweier überzeugter Buchhändlerinnen. Bis 1933 war er im puritanischen Amerika als pornographisches Buch verboten, das Katholische Irland setzte es ebenfalls auf den Index und distanzierte sich über Jahrzehnte von seinem ungeliebten Sohn.
Nach gerichtlichen Auseinandersetzungen und mit erheblicher Verzögerung konnte sich auch im Fall Ulysses die gefährdete Freiheit der Kunst durch die herausragende Qualität des Werkes behaupten und sich gegen Kleingeistige Ideologen durchsetzen.

Man sollte sich deswegen immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass der Ulysses nicht nur Weltliteratur auf höchstem Niveau verkörpert, sondern auch zu einem Synonym neuzeitlicher Kunstfreiheit und damit zu einem der positiven Symbole des 20. Jahrhunderts wurde.

Bernd Klüser

In: James Joyce. Mimmo Paladino. ULYSSES,

Insel-Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2004

Ausgewählte Werke

Ulysses 16 June 1904 (1994)

Auflage: 18

Portfolio mit 18 Radierungen, Blattgold

32,5 x 25 cm (je Blatt)

1904 June 16 – 2004 June 16 (2003)

Auflage: 100

Radierung mit Blattgold auf handgeschöpftem Papier

18 x 12 cm

Über den Künstler

*1948, Paduli, Italien. Der Künstler lebt in Mailand und Benevento, Italien. Die Galerie Klüser vertritt Mimmo Paladino seit 1981, unterstützte und organisierte zahlreiche Museumsausstellungen, ist Herausgeber vieler Editionen und veröffentlichte diverse Kataloge des Künstlers.

Publikationen

Paladino, Ulysses 2004
  • Bernd Klüser
  • ,Mimmo Paladino
  • 2004

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